„Lothar Späth hat uns Stimmen gekostet“

In Baden-Württmberg fiel das FDP-Ergebnis bei der Bundestagswahl besonders schlecht aus. Die stellvertretende FDP-Landesvorsitzende und neue Vize-Chefin der FDP-Bundestagsfraktion zu Fehlern und Ursachen.

+++ Hart gekämpft und als Partei klar verloren. Haben Sie den Schock der Bundestagswahl schon überwunden?

Ich war natürlich enttäuscht – wie viele von uns. Ich bin aber auch sehr krisenfest. Mein gutes Ergebnis in Konstanz war ein gewisser Trost. Der Blick geht jetzt nach vorn. Wir wollen in Berlin eine klare Oppositionsarbeit machen.

+++ Bundesweit hat die FDP immerhin noch leicht zugelegt. Im Stammland der Liberalen aber haben Sie sogar Stimmen verloren und das schlechteste Ergebnis seit 1969 eingefahren. Warum?

Die Flutkatastrophe und die Irak-Frage haben unsere Themen Wirtschaft und Arbeit verdrängt. Die Wahlanalysen zeigen, dass wir beim Mittelstand verloren haben, gerade auch in Baden-Württemberg. Lothar Späth, der beim Mittelstand nach wie vor große Wertschätzung genießt, hat uns in diesem Bereich Stimmen gekostet. Außerdem hat sich in Baden-Württemberg negativ ausgewirkt, dass wir keine Koalitionsaussage getroffen haben. Bundesweit haben wir Stimmen von der SPD dazugewonnen. Das Offenhalten der Koalitionsfrage hat es also vielen Wählern möglich gemacht, die FDP zu wählen. In Baden-Württemberg hat uns das dagegen geschadet.

+++ Sind die Liberalen im Südwesten besonders konservativ?

Nein. Aber wir haben hier eine erfolgreiche CDU-FDP-Regierung, und die Menschen verstehen nicht, warum man sich dazu nicht bekennt. Die Bürger im Südwesten wollen gerne wissen, wo es langgeht. Was unseren Landesverband betrifft, so sind wir anderen Landesverbänden in einem Punkt schon ein Stück voraus: Wir haben einen großen Umbruch hinter uns hin zu den Jüngeren. Irgendwann ist ein solcher Schritt nötig. Das zeigte sich auch im Wechsel vom früheren Spitzenkandidaten Klaus Kinkel zu mir.

+++ Haben Birgit Homburger und Walter Döring alles richtig gemacht?

Natürlich stellt man sich diese Frage. Wir haben beide massiv gekämpft. Da kann man uns keinen Vorwurf machen. Walter Döring macht eine exzellente Arbeit als Wirtschaftsminister, und er genießt große Wertschätzung im Land.

+++ Was halten Sie von dieser These: Die FDP hat ein Personalproblem. Die großen Namen sind Vergangenheit. Es fehlt an interessanten Köpfen.

Das sehe ich anders. Wir haben jetzt viele interessante junge Leute in der Verantwortung. Natürlich müssen sie noch bekannter werden. Unser Ziel muss sein, dass wir unsere Inhalte künftig stärker mit Köpfen verbinden. Übrigens hat auch Hans-Dietrich Genscher nicht als Star angefangen.

+++ These zwei: Mit reinem Wirtschaftsliberalismus kommt die FDP nicht zum Erfolg. Sie haben andere liberale Wurzeln sträflich vernachlässigt. Wo ist die Bürgerrechtspartei geblieben?

Die gibt es. Sie müssen sich nur unser Programm anschauen. Die FDP hat zum Beispiel gegen das Anti-Terror-Paket zwei gestimmt, weil hier viele Bürgerrechtsfragen nicht zufrieden stellend beantwortet sind. Wir müssen aber ganz sicher eine Reihe von Themen besser nach draußen kommunizieren – etwa unsere Vorstellungen zur Familien- oder Umweltpolitik. Wir haben ein hervorragendes Programm, aber es ist zu wenig bekannt.

Fragen von Jan Sellner