Klaus Kinkel: „Voreilige Reaktionen wären gefährlich!“

Wie konnte so etwas passieren? Auf die wohl am häufigsten gestellte Frage nach den Terroranschlägen in den Vereinigten Staaten, haben weder Politiker noch Geheimdienstexperten eine schlüssige Antwort. Gerüchte schießen ins Kraut. Zeit für Spekulationen. Trotz der allgemeinen Verunsicherung wollte FAZ.NET von Ex-Außenminister Klaus Kinkel (FDP) wissen, wie er die Lage in den USA einschätzt.

Herr Kinkel, wie konnten die amerikanischen Geheimdienste so versagen?Sie werden verstehen, dass ich dazu nichts sagen kann, so lange über die Drahtzieher überhaupt noch nichts bekannt ist.Können Sie aufgrund Ihrer Erfahrung als ehemaliger deutscher Außenminister erahnen, wie die Vereinigten Staaten auf die Anschläge reagieren werden?Wir können nur hoffen, dass die Amerikaner besonnen und mit kühlem Kopf reagieren – soweit man das überhaupt kann, wenn einem vor Trauer und Wut das Herz bis zum Hals pocht. Voreilige Reaktionen wären jedenfalls gefährlich und würden den Terrorismus schlimmstenfalls sogar weiter anheizen. Aber wenn die Drahtzieher fest stehen, werden die USA mit ganzer Härte gegen sie vorgehen, das steht fest. Und dabei sollten sie sich auch auf unsere Unterstützung verlassen können.Wie wird sich die Rolle der Supermacht verändern?Die USA sind ins Herz getroffen worden – sozusagen in beide Kammern gleichzeitig: das World Trade Center steht für die wirtschaftliche Stärke des Landes, das Pentagon für die militärische. Trotzdem wird sich Amerika erholen. Denn seine Stärke insgesamt beruht vor allem auf der Stärke seiner Demokratie und dem Freiheitswillen seiner Menschen.Was wird aus den Plänen des amerikanischen Präsidenten für ein Raketenabwehrsystem (NMD)?Sicher ist, dass Präsident und Kongress in Zukunft wirklich alles versuchen werden, um den amerikanischen Kontinent vor Angriffen zu schützen. Ob allerdings NMD dazu der richtige Ansatz ist, bleibt abzuwarten. Mit Raketenabwehrsystemen hätten die Terroranschläge von gestern auch nicht verhindert werden können.Das Gespräch führte Susanne Scheerer.