?Insbesondere Mangel an Fachkräften wird im Jahr 2008 für langsameres Wachstum sorgen?

Baden-Württembergs Wirtschaftsminister Ernst Pfister erwartet für 2008 ein langsameres Wachstum von um 2 ½ Prozent in Baden-Württemberg: ?Unter der Voraussetzung, dass es nicht zu krisenhaften Zuspitzungen der weltweiten Finanzmarktturbulenzen und bei der Entwicklung der Ölpreise und des Dollarkurses kommt, hat unsere Wirtschaft das Potenzial, um 2 ½ zu wachsen?, sagte Pfister heute in Stuttgart. Die zu erwartende Verlangsamung des Wachstums 2008 im Land sei auch auf den zunehmenden Mangel an Fachkräften zurückzuführen.

Wie der Minister ausführte, habe die baden-württembergische Wirtschaft in diesem Jahr mit hohem Tempo ihre konjunkturelle Aufwärtsbewegung erfolgreich fortgesetzt. ?Wir können eine hervorragende Wirtschaftsbilanz aufstellen, ich rechne mit einem Wirtschaftswachstum in 2007 um die drei Prozent.? Die Kon-junktur entwickelte sich nach Pfisters Darstellung im Jahresverlauf 2007 unterschiedlich. In der ersten Jahreshälfte habe sich das zum Jahresende 2006 erreichte hohe Konjunkturtempo nahezu unvermindert fortgesetzt. Ab dem Sommer sei die Konjunktur jedoch nicht mehr so störungsfrei verlaufen, weil das weltwirtschaftliche Umfeld von den weltweiten Turbulenzen an den Finanzmärkten ? hervorgerufen durch die Immobilienkrise in den USA ? sowie dem starken Anstieg des Ölpreises und des Euro beeinträchtigt wurde. Außerdem habe die merkliche Abkühlung der Konjunktur in den zwei größten Volkswirtschaften der Welt ? USA und Japan – dazu geführt, dass die weltweite Exportnachfrage nachgelassen habe.

Nach Einschätzung des Ministers muss allerdings nicht befürchtet werden, dass die Weltwirtschaft jetzt viel an Fahrt verliere. Die von den USA und Japan ausge-henden negativen Effekte wirkten sich im Gegensatz zu früheren Jahren geringer aus, weil sich in den Schwellenländern die starke wirtschaftliche Dynamik fortsetze und von ihnen bereits 50 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts erwirtschaftet werde. „Die Exportgeschäfte in die USA werden sicherlich schwieriger werden, dafür besteht aber in den Schwellenländern weiterhin eine große Nachfrage nach Maschinen, Fahrzeugen und elektrotechnischen Erzeugnissen, die unsere stark auf Investitionsgüter ausgerichtete Wirtschaft liefern kann“.

Gut laufende Exporte in die europäischen Länder

Der lebhafte Welthandel habe der baden-württembergischen Industrie zu erheblichen Exporterfolgen verholfen und den wirtschaftlichen Aufschwung 2005 in Gang gesetzt. Allein zwischen 2005 und 2007 seien die Exportgeschäfte um 25 Prozent gesteigert worden, mittlerweile produziere die Industrie des Landes die Hälfte aller Waren für das Ausland. Auch in diesem Jahr steuerten die baden-württembergischen Exporteure mit 153 Milliarden Euro erneut auf ein Rekordergebnis zu. Das Auslandsgeschäft habe im Vergleich zum Vorjahr um 8 Prozent gesteigert werden können. Mit einem Exportzuwachs von 12 Prozent seien die größten Exporterfolge auf dem europäischen Markt erzielt worden, in dem heute 72 Prozent aller Produkte des Landes abgesetzt werden. Im asiatischen Raum, wohin 12,4 Prozent des Gesamtexports fließen, stagnierten in diesem Jahr die Exportgeschäfte. Nur bei den kauffreudigen ölexportierenden Ländern des Na-hen und Mittleren Ostens seien Exportzuwächse (+ 6 Prozent) noch zu erreichen gewesen. Im ost- und südostasiatischen Raum hätten sich die Bestellungen aus China (+ 4 Prozent) zwar erhöht, da die japanische Exportnachfrage aber deut-lich zurückging (- 9 Prozent), habe sich das Süd-Ostasien-Geschäft leicht rück-läufig entwickelt. Auf dem nordamerikanischen Absatzmarkt (NAFTA) liefen die Exportgeschäfte schlecht. Die baden-württembergischen Exporteure hätten 10 Prozent weniger Waren in diesem wichtigen Raum, in dem 2006 noch 14 Pro-zent aller Waren geliefert wurden, absetzen können. Besonders die Automobilexporte brachen ein um satte 20 Prozent. Pfister führte diese Entwicklungen vor allem darauf zurück, dass der starke Euro die Exportgeschäfte mit den Ländern erschwert hat, die ihre Währung auf den US-Dollar ausgerichtet haben. Von Beginn 2006 bis Jahresende 2007 verteuerte sich der Euro erheblich um 20 Prozent gegenüber dem US-Dollar.

Wachstumsdynamik bleibt nach oben gerichtet

Nach den zuletzt guten Daten zur Industrieproduktion und zu den Auftragsein-gängen bleibe die Wachstumsdynamik nach oben gerichtet.
Auch die Aussichten, dass der Konsum der Konjunktur stärkere Impulse verleiht, sind nach Einschätzung Pfisters recht gut: „Der Rückgang der Arbeitslosigkeit und der spürbare Beschäftigungsanstieg sollten zu einer deutlichen Erhöhung der verfügbaren Einkommen beitragen. Dies dürfte den privaten Konsum jetzt anregen.“ Die Geschäftslage und die Geschäftserwartungen in der gewerblichen Wirtschaft stützten diesen Befund. Die derzeitige Lage zeichnet sich durch eine recht optimistische Grundstimmung in der baden-württembergischen Wirtschaft aus“, erläuterte Pfister.

Bestärkt wird er in dieser Einschätzung von führenden Vertretern von Wirt-schaftsorganisationen des Landes bei einem vor wenigen Tagen stattgefundenen Konjunkturgespräch im Wirtschaftsministerium. Wie Pfister berichtete, sehe die Industrie die Produktion im nächsten Jahr weiter auf hohen Touren laufen und rechne bei einer weiterhin hohen Nachfrage nach Investitionsgütern nur mit einem moderaten Rückgang der Exportzuwächse. Die Bauwirtschaft gehe von weiteren Zuwächsen beim Wirtschaftsbau aus, der im Vergleich zu den Ausrüs-tungsinvestitionen konjunkturell zurückhängt. Im Wohnungsbau seien die Ent-wicklungsperspektiven hingegen weniger vorteilhaft. Gemessen an den Auf-tragsvergaben und den erteilten Baugenehmigungen seien derzeit keine Impul-se im Wohnungsneubau zu erwarten, sondern nur im Bereich der Wohnbaumo-dernisierung. Das Handwerk rechne damit, dass die Handwerkskonjunktur auch im nächsten Jahr gut laufe. Für das industrienahe Handwerk seien die Aussich-ten günstig, für die weiteren Handwerksbereiche sei die Entwicklung des priva-ten Konsums entscheidend. Im Hinblick auf den Konsum lägen jetzt zwar bes-sere Fundamentalfaktoren für den privaten Verbrauch vor, insbesondere durch den höheren Beschäftigungsgrad. Die neuerlichen Preisschübe bei Energie und einigen Lebensmitteln schmälerten allerdings die Kaufkraft der Verbraucherbud-gets.

Arbeitslosenquote fällt auf 4,3 Prozent – Wirtschaft fehlen Fachkräfte

Sehr erfreut zeigte sich Pfister, dass die überdurchschnittliche Dynamik der ba-den-württembergischen Wirtschaft sich in einer spürbaren Belebung auf dem Arbeitsmarkt niedergeschlagen habe. Von Anfang 2006 bis heute seien die Arbeitslosenzahlen um 40 Prozent zurückgegangen. Die aktuelle Arbeitslosenquote im November 2007 betrage 4,3 % – eine solch niedrige Arbeitslosigkeit sei zuletzt im Jahr 1992 registriert worden: „Die günstige Arbeitsmarktentwicklung wird sich 2008 fortsetzen, wenn auch nicht mehr mit der hohen Geschwindigkeit dieses Jahres“.

Allerdings hätten viele Firmen bereits heute Schwierigkeiten, genügend qualifizierte Fachkräfte zu finden. Pfister: „Das ist kein Luxusproblem, sondern kann zu einem Bremsklotz für unsere Wirtschaft werden. Vor allem fehlen immer mehr Fachkräfte.“ Neueste Berechnungen gingen von rund 400.000 gesuchten Fach-kräften in ganz Deutschland aus. Entsprechend der baden-württembergischen Wirtschaftsleistung entspräche dies etwa 60.000 fehlenden Fachkräften, darunter bis zu 20.000 Ingenieuren. Es fehlten aber auch viele Facharbeiter, z.B. Schlosser, Elektriker oder Mechatroniker. „Unser Bundesland ist damit am meisten vom Fachkräftemangel betroffen. In Zahlen gesprochen verursacht dieser Mangel einen jährlichen Umsatzverlust in Höhe von 3,5 Milliarden Euro“, so der Minister.

Besonders gravierend seien laut einer IW-Studie vom Oktober 2007 die Engpässe in dem Bereich der MINT-Qualifikationen, sprich der Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik sowie bei den Technikern ganz allgemein. Mehr als drei Viertel aller im Bereich hochqualifizierter Arbeitskräfte nicht besetzbaren Stellen entfielen auf diese Qualifikationsgruppen. „Betrachten wir die Wirt-schaftsstruktur Baden-Württembergs, erkennt man unschwer, dass dies massive Auswirkungen auf gerade unseren Standort hat. Unsere „Königsdisziplinen“ Fahrzeugbau, Maschinenbau und Elektrotechnik leben davon, dass neue Produkte entwickelt, neue Verfahren konzipiert und neue Dienstleistungen erdacht und angeboten werden. Sie leben vom Potenzial technisch gut ausgebildeter, kreativer, innovationsfreudiger Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer“, hob Pfister hervor.

Die Suche nach geeigneten Fachkräften werde sich ohne aktives Gegensteuern durch den demografischen Wandel jedoch weiter verschärfen, da die erwerbsfä-hige Bevölkerung in Baden-Württemberg unter Status-quo-Bedingungen erstmals ab dem Jahr 2012 zurückgehen werde. Nach Berechnungen des Statistischen Landesamtes werden im Jahr 2030 bereits 840.000 Erwerbsfähige fehlen, Tendenz steigend.

Deshalb habe das Wirtschaftsministerium eine Fachkräfteinitiative gestartet zur langfristigen Sicherung des Fachkräfteangebots, die im Wesentlichen vier Ziele umfasst:
– Verstärkung der beruflichen Aus- und Weiterbildung,
– Erhöhung der Erwerbsbeteiligung von älteren Erwerbspersonen, von Frauen und von Menschen mit Migrationshintergrund,
– Abbau der staatlichen Belastungen der Beschäftigten, um die individuelle Motivation zur Höherqualifizierung zu steigern und der Abwanderung von Fachkräften entgegenzuwirken sowie
– Erleichterung der Zuwanderung von hochqualifizierten Arbeitskräften.

Insgesamt stellt das Wirtschaftsministerium für diese Bereiche Mittel in Höhe von über 8 Millionen Euro pro Jahr bereit, überwiegend finanziert aus ESF-Mitteln.

Gefördert werde beispielsweise die Information und Beratung mittelständischer Betriebe zum Thema „Fachkräfte und Demografie“, um deren Personalabteilun-gen frühzeitig für dieses Thema zu sensibilisieren. Dazu veranstaltet das Ministe-rium am 21. Juli 2008 im Haus der Wirtschaft ein großes Symposium.

Im Rahmen einer Qualifizierungsoffensive habe das Wirtschaftsministerium zu-dem ein Förderprogramm für zusätzliche Ausbildungsplätze aufgelegt. So würden Lehrstellenwerber verstärkt gefördert. Bereits erfolgreich arbeitende Praxisbeispiele besonders gelungener Ausbildungsmaßnahmen würden im Rahmen von Regionalkonferenzen ins Land getragen. Darüber hinaus sei das „Bündnis zur Stärkung der beruflichen Ausbildung in Baden-Württemberg 2007-2010“ zu nennen.

Gefördert würden außerdem Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie in Form von Beratung, Seminaren und Auditierungen. 2008 werde erneut der Landeswettbewerb „Gleiche Chancen für Frauen und Männer im Betrieb“ durch-geführt: Als weitere Maßnahme beinhalte die Fachkräfteinitiative beispielsweise die Homepage www.fachkraefte-bw.de, die am 16. Oktober 2007 mit Informatio-nen über die erleichterten Zutrittsbedingungen in den deutschen Arbeitsmarkt für Ingenieure aus den osteuropäischen EU-Mitgliedsstaaten online ging. Seit kur-zem sei die Seite auch in Englisch verfügbar, so dass sich nun noch mehr Men-schen über Baden-Württemberg informieren könnten.

Abschließend forderte Pfister die Bundesregierung auf, die aussichtsreichen Perspektiven des Landes durch eine konstruktive Standortpolitik zu unterstützen: „Es wäre fatal, wenn die Bundesregierung den Rückwärtsgang bei den Reformen einlegen würde. Vielmehr muss eine Reihe ungelöster Aufgaben in Angriff ge-nommen werden, um für optimale wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen zu sorgen.“ Konkret forderte Pfister:
– „Dem Fachkräftemangel muss auch auf Bundesebene nachhaltig begeg-net werden.
– Von der Einführung so genannter Mindestlöhne ist abzusehen, da diese die Arbeitsplätze für Geringqualifizierte massiv gefährden.
– Um die demografischen Herausforderungen in den Sozialsystemen zu bewältigen, benötigen wir eine Umstellung der Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung auf eine kapitalgedeckte Finanzierung.
– Die Erbschaftssteuer muss für Unternehmensnachfolger abgeschafft wer-den.
– Wir brauchen eine Einkommensteuerreform, von der auch die mittelstän-dischen Unternehmen und die Beschäftigten profitieren.
– Der Staat muss auf der Ausgabenseite sparen und nicht die Einnahmen-seite – wie mit der Mehrwertsteuer – erhöhen.
– Baden-Württemberg muss im Zuge der Föderalismusreform beim Länder-finanzausgleich entlastet werden. Es ist nicht länger tragbar, dass das Land jedes Jahr 3,7 Milliarden Euro an andere Bundesländer abführen muss.“