Immer einen Tick besser als Bayern

(Neuenstein/Großhirschbach) Eigentlich war ja fast alles wie vor Jahresfrist: Bei großer Hitze trafen sich gestern 700 FDP-Anhänger und politisch Interessierte zum Liberalen Hoffest auf dem Anwesen von Ulrich Heinrich in Neuenstein-Großhirschbach. Doch das Klima hat sich geändert. Nicht nur, was die Hitzegrade angeht. Denn wo vor Jahresfrist noch Parteichef Westerwelle mit dem Guidomobil anrollte und den nahen Wahlsieg vor Augen in Optimismus machte, war diesmal Realität angesagt. „Die Stimmung ist dieses Jahr viel lockerer“, freute sich Gastgeber Ulrich Heinrich.

Unter den Schatten spendenden Bäumen hatten es sich mehr Polit-Interessierte gemütlich gemacht, als er bei der derzeitigen Witterung erwartet hatte. Neuensteins Bürgermeisterin Sabine Eckert-Viereckel war ebenso darunter wie eine Delegation aus Bayern. Doch bei Hohenloher Leckereien, Musik und Quiz standen vor allem die beiden Hauptredner im Mittelpunkt.

Wolfgang Gerhardt, Vorsitzender der FDP-Bundestagsfraktion, pries die Perspektive eines größer werdenden Europas an und mahnte, diese nicht zu zerreden. „Es handelt sich ja eher um eine Wiedervereinigung Europas als um eine Osterweiterung“, so Gerhardt. Doch nicht nur Europa war der Schwerpunkt seiner 30-minütigen Rede. Schließlich meinte Gastgeber Heinrich, er könne sich keinen besseren Außenminister als Gerhardt vorstellen. Also ging’s im Stile eines Außenministers auch um die Themen Irak und USA. „Wenn die USA weiter glauben, sie könnten das im Irak alleine regeln, dann werden sie scheitern“, meint der Wiesbadener.

Überhaupt sei die Zeit nationaler Alleingänge vorbei. „Wir müssen lernen, europäisch zu denken“, fordert Gerhardt. „Eine Achse Moskau. Peking, Paris, Berlin wäre deshalb ein geostrategischer Fehler „, ergänzte der FDP-Politiker. Überhaupt müssten die Reformen jetzt umgesetzt werden, und da sei die FDP nun mal die einzige Gruppierung in Deutschland, die das wirklich wolle.

Ob Gerhardts abschließender Appell, die Deutschen müssten nun endlich wieder mehr Kinder zeugen, um ein Schrumpfen Europas zu verhindern, seinem Parteifreund Walter Döring gegolten hat, blieb zwar offen. Deutlich wurde der baden-württembergische Wirtschaftsminister freilich in seiner Einschätzung der nationalen Lage. Baden-Württemberg als Paradies in Deutschland, in jedem Fall aber als Nummer eins in der Republik. Döring zitierte nicht ohne Stolz jüngste Zeitungsberichte, die dies bestätigt hatten. „Wir müssen jeden Tag darum kämpfen, dass wir besser als die Bayern sind“, fügte der Schwäbisch Haller schmunzelnd hinzu. Auch in Großhirschbach rief Döring wieder dazu auf, noch mehr Ausbildungsplätze zur Verfügung zu stellen.

Einmal mehr appellierte Döring, man möge die Gewerbesteuer komplett abschaffen. Apropos Kommunen. Bei seiner Fahrt durch Baden-Württemberg habe er festgestellt, dass „die Gemeinden noch alle sehr gut aussehen“. Und mit einem Augenzwinkern sicherte er Sabine Eckert-Viereckel Unterstützung bei Projekten in Neuenstein zu. Was die Unterstützung angeht, so soll diese den Bauern und Handwerkern im Land zuteil werden – die Studenten hat Döring weiter im Visier. „Seit wir die Langzeitstudiengebühr eingeführt haben, haben wir 3500 Studenten weniger, die sind jetzt in Nordrhein-Westfalen…“ Aber die wollen ja auch nicht die Nummer eins werden.