Goll: ?Projekt Chance ist Vorreiter für modernen, zeitgemäßen Jugendstrafvollzug

Mit der offiziellen Einweihung des Neubaus für Wohngemeinschaften ist heute ein weiterer Schritt zum Ausbau des Jugendhofs Seehaus in Leonberg gelungen. Der Jugendhof Seehaus ist neben dem Kloster Frauental in Creglingen ein Standbein des vom baden-württembergischen Justizminister Prof. Dr. Ulrich Goll (FDP) initiierten, bundesweit
einzigartigen Modells ?Projekt Chance? für einen fortschrittlichen, stark vom Erziehungsgedanken geprägten Jugendstrafvollzug in Baden-Württemberg.
Goll, der auch Vorsitzender des Vereins
?Projekt Chance? ist, gratulierte dem Geschäftsführer und Projektleiter des Jugendhofs Seehaus, Tobias Merckle, zum Neubau, in den junge Straftäter in Wohngemeinschaften einziehen: ?Mit dem ´Projekt Chance´ nimmt Baden-Württemberg die bundesweite Vorreiterrolle für einen zeitgemäßen und modernen Jugendstrafvollzug ein. Unsere Justiz verdammt straffällige Jugendliche nicht voreilig. Im Jugendhof Seehaus wird ihnen die Hand zur Förderung ihrer Wiedereingliederung in die Gesellschaft gereicht. Wenn die Jugendlichen diese Hand der Hilfe fest ergreifen und es so schaffen, sich aus ihrer Außenseiterrolle zu ziehen und ein Leben ohne Straftaten zu führen, hat sich unsere Initiative gelohnt.? Allerdings, betonte der Minister, sei das Projekt Chance kein einseitiges Angebot. Von den Jugendlichen werde viel Disziplin, großer Lernwille und die selbstkritische Auseinandersetzung mit ihrer kriminellen Vergangenheit verlangt. Wer diesen Anforderungen nicht gewachsen sei, müsse zurück ins Gefängnis.

Im Seehaus sollen die Jugendlichen durch ein striktes Erziehungsprogramm mit schulischer
Bildung, Berufsfindung und sozialem Training dauerhaft von der Begehung weiterer Straftaten abgehalten werden. Bereits im Jahr 2003 startete im Ortsteil Frauental in Creglingen die erste Modelleinrichtung dieser Art zur Bekämpfung der Jugendkriminalität. Zielgruppe des “Projekts Chance” sind 14- bis 19-jährige Straftäter, die zum ersten Mal zu einer Jugendstrafe von nicht mehr als zwei Jahren ohne Bewährung verurteilt wurden.
„Langfristig können wir die Bevölkerung am besten durch Prävention vor Kriminalität
schützen“, zeigte sich Goll überzeugt. Der Minister weiter: „Im täglichen Kampf gegen die
wachsende Jugendkriminalität müssen wir den straffälligen Jugendlichen deshalb eine echte
Chance für ein Leben ohne Gewalt und Kriminalität geben. Gerade jugendliche Straftäter haben meist ein großes Erziehungsdefizit. Ihre Hemmschwelle, Regeln zu brechen ist niedrig. Ihnen fehlen Werte, an denen sie sich orientieren können. Sie kennen nicht ihre Grenzen. Ihnen fehlen Perspektiven und Ziele. Nur wenn wir auf die jugendlichen Straftäter entschlossen erzieherisch einwirken, werden wir die Rückfallgefahr senken können. Wir wollen die jungen Gefangenen ganz gezielt von älteren Straftätern trennen, um sie vor negativen Einflüssen zu schützen. Deshalb ist es wichtig, die Gruppe der noch ganz jungen Täter möglichst mit den bereits etwas älteren gar nicht in Kontakt kommen zu lassen. Hierin
liegt einer der unschätzbaren Vorteile der Modelleinrichtungen.“
Merckle erläuterte den Tagesablauf im Jugendhof Seehaus: „Bei uns werden die
Jugendlichen seit November 2003 auf ein verantwortungsvolles Leben in Freiheit vorbereitet. Dabei werden soziale Kompetenzen und praktische Fertigkeiten in den wichtigsten Bereichen vermittelt und trainiert. Die Jugendlichen werden in der staatlich anerkannten Seehaus- Schule auf den Hauptschulabschluss vorbereitet. In den Bereichen Holz und Bau können sie sich auf das Berufsleben vorbereiten und auch das erste Lehrjahr Bau im Seehaus absolvieren. Praktische Erfahrungen sammeln sie durch die Mitarbeit u.a. bei der Herstellung des Neubaus und der Renovierung des 1609 von Schickhardt erbauten Seehauses.“ Auch
der Sport spiele eine wichtige Rolle, so Merckle. Dem entsprechend beginne der strikte
Tagesablauf jeden Wochentag um 6:00 Uhr mit Frühsport. Gemeinnützige Arbeit, soziales
Training und Freizeitgestaltung runden das Programm ab. Die Mitarbeiter würden den
Jugendlichen christliche Normen und Werte vermitteln. Sie lebten mit den Jugendlichen in
einer Lebensgemeinschaft zusammen. Jede Wohngemeinschaft sei für 7 Jugendliche und
eine Mitarbeiterfamilie vorgesehen, die auf dem gleichen Stockwerk ihre eigene Wohnung
habe und familienähnlich mit den Jugendlichen zusammenwohnen.
Der zum gleichen Zweck erstellte Neubau mit 3 Stockwerken von je 330 m² Wohnfläche wurde im Januar 2004 begonnen. Ein Jahr später konnte die erste Wohngemeinschaft in das
Dachgeschoss einziehen. Merckle sagte:
„Inzwischen wurde bereits die zweite
Wohngemeinschaft eingerichtet. Im Erdgeschoss sollen zunächst die Büroräume
untergebracht werden. Sie befinden sich bisher im Altbau, müssen jedoch wegen
Renovierungsarbeiten vorübergehend verlegt werden. Langfristig ist eine Belegung mit bis zu
knapp 30 Jugendlichen geplant, sodass dann auch das Erdgeschoss als Wohngemeinschaft
genutzt werden wird. Die Jugendlichen haben dank der Kooperation der Handwerksbetriebe
bei fast allen Gewerken selbst mit Hand angelegt. Einige Gewerke haben die Jugendlichen unter Anleitung der Baumitarbeiter des Jugendhofs Seehaus selbst bewerkstelligt, wie z.B. die Zimmererarbeiten am Dach und der Fassade.“
Merckle dankte ganz besonders allen Spendern und Sponsoren. Neben der Landesstiftung Baden-Württemberg, die eine Anschubfinanzierung zur Verfügung gestellt habe, hätten viele Einzelpersonen, Kirchengemeinden, Stiftungen und Unternehmen den Trägerverein „Prisma
e.V.“ finanziell unterstützt und so auch den Bau des Neubaus ermöglicht. Als Beispiel nannte Merckle Elektro Widmaier, der mit dem Elektrogroßhandel Elgros Rau 10 andere Firmen mit Erfolg ermutigt habe, Sachspenden für den Neubau zu stiften. Schwenk Zement habe Prisma e.V. durch die kostenlose Überlassung aller von ihnen hergestellten Baumaterialien unterstützt. Zwei Firmen bzw. Organisationen hätten auch von der Möglichkeit des Raumsponsorings Gebrauch gemacht. So sei der Küchenraum von Gerhard Heiche GmbH und ein Büro von der Offensive Junger Christen e.V. gesponsert worden. Prisma e.V. versuche, auch andere Räume im Neubau und dann später auch im Schickhardtschen Seehaus durch Raumsponsoring zu finanzieren.
Bei der offiziellen Einweihung sprachen Justizminister Prof. Dr. Ulrich Goll,
Baubürgermeisterin Inge Horn aus Leonberg und der Geschäftsführer der Landesstiftung
Baden-Württemberg, Prof. Dr. Claus Eiselstein, Grußworte.