Goll: „Bildungsmaßnahmen spielen im Vollzug eine Schlüsselrolle“

(Stuttgart) In den Gefängnissen von Baden-Württemberg erreichten im Jahre 2003 insgesamt 553 Gefangene einen qualifizierten Schulabschluss. ?Damit haben mehr als ein Viertel der 2076 Gefangenen, die an schulischen Bildungsmaßnahmen im Vollzug im vergangenen Jahr teilnahmen, ihre Chancen auf eine erfolgreiche Wiedereingliederung in die Gesellschaft nach der Haftentlassung deutlich verbessert?, sagte Justizminister Prof. Dr. Ulrich Goll (FDP) in Stuttgart.

Die Bildungsstatistik im baden-württembergischen Vollzug für das Jahr 2003 verzeichnet erneut eine deutliche Steigerung der qualifizierten Abschlüsse in den Schul- und Ausbildungsbereichen. ?In den letzten drei Jahren konnte mit einer Zunahme von 102 staatlich anerkannten Schulabschlüssen im Vollzug eine Steigerung von über 20% erreicht werden?, erklärte Goll. Von den insgesamt 553 erfolgreichen Teilnehmern absolvierten mit 328 Gefangene mehr als die Hälfte den Berufsschulabschluss, 180 schafften den Hauptschulabschluss, 30 erlangten die Mittlere Reife und einer sogar das Abitur. 14 Inhaftierte führten ihr Studium im Rahmen eines Fernstudiums fort.

Goll gab zu bedenken, dass der Bildungs- und Ausbildungsstand gerade der jugendlichen Strafgefangenen erschreckend niedrig sei. So verfügten nur etwa 50% der Jugendlichen zum Zeitpunkt ihrer Inhaftierung über einen Hauptschulabschluss, nur etwa 10% gar über eine abgeschlossene Berufsausbildung. Bei den ausländischen Gefangenen, deren Anteil in der Strafhaft 2003 bei 32,8% lag, bestünden vorrangig Sprach- und kulturelle Eingliederungsschwierigkeiten. Viele Gefangene seien außerdem lern- und arbeitsentwöhnt und würden in der Haftzeit keine Lebensperspektiven sehen.

Dabei, so Goll, sei ein Minimum an Bildung gerade für junge Straftäter von entscheidender Bedeutung für ihr Leben nach der Haft. „Wer eine abgeschlossene Schul- oder Berufsausbildung vorweisen kann, hat viel bessere Chancen, in der Gesellschaft wieder Fuß zu fassen. Und nur wer eine Perspektive für die Zeit nach der Haft vor Augen hat, wird sich an die allgemeinen Spielregeln halten und künftig die Finger von Straftaten lassen wollen. Das wiederum schützt nicht nur ihn vor einer erneuten Inhaftierung sondern vor allem die Gesellschaft vor neuen Straftaten. Bildungsmaßnahmen spielen deshalb im Vollzug eine Schlüsselrolle“, mahnte der Justizminister unter Hinweis auf langjährige Erfahrungen aus dem Vollzug. Danach könne gerade ein Schulabschluss und eine darauf folgende Berufsausbildung im Jugendstrafvollzug die Rückfallquote erheblich senken.

In allen baden-württembergischen Justizvollzugsanstalten würden deshalb die Angebote für schulische Bildung und berufliche Ausbildung seit Jahren konsequent ausgebaut und verbessert, betonte Goll. Durch eine breite Palette von Bildungskursen sollen die Gefangenen für selbstständiges Lernen gewonnen werden. Bildungsmängel ließen sich so aufholen und ausgleichen. In die Bildungsplanung im Justizvollzug werde auch die gesamtgesellschaftliche Entwicklung der Arbeits- und Berufswelt einbezogen. Dort würden neue Schwerpunkte im Bereich Dienstleistungen, Globalisierung und Informatisierung gesetzt. „Durch individuelle Förderung des einzelnen Gefangenen und dem in der Arbeitswelt anerkannten ´good-practice-Model´ sind wir ständig bemüht, den Bildungsstand im Vollzug zu verbessern“, sagte Goll. Besonderer Wert, so der Minister, werde dabei auf das Erreichen von im öffentlichen Bereich anerkannten Schul- und Berufsausbildungsabschlüssen gelegt, um nach der Entlassung die Chancen auf Arbeit zu erhöhen. Personen mit geringer Qualifikation, geringer Leistungsfähigkeit oder geringer Leistungsbereitschaft werden künftig allergrößte Schwierigkeiten haben, einen Arbeitsplatz zu bekommen, prognostizierte Goll.

Die Gefangenen zum Lernen zu motivieren sei nicht immer leicht. Dies liege zum Teil an der Überbelegung zahlreicher Anstalten und dem Mangel an Hafträumen, in denen ungestörtes Lernen möglich sei. Aber auch die totale Veränderung des Lebens-Milieus, der Abbruch von familiären und sozialen Beziehungen sowie die Sogwirkung der Alltagssubkultur in den Anstalten zähle zu den strukturellen Erschwernissen für Bildungsmaßnahmen in den Gefängnissen. „Um so erfreulicher ist, dass ein Jugendstrafgefangener der JVA Adelsheim das Abitur mit der Traumnote von 1,1 bestanden hat“, lobte Goll. Der ehemalige Gymnasiast hatte eine mehrjährige Jugendstrafe zu verbüßen gehabt und sich ein Jahr lang in der Schule der JVA Adelsheim intensiv auf die Abiturprüfung vorbereit. Durch seinen an den Tag gelegten hohen Lernwillen konnte er den zuständigen Jugendrichter von einer günstigen Kriminalprognose überzeugen. Der Richter bewilligte ihm schließlich die vorzeitige Entlassung zur Bewährung. Inzwischen hat der junge Mann sein Studium an einer baden-württembergischen Universität aufgenommen.
In einem anderen Fall legte ein erwachsener Gefangener vor der Handwerkskammer die Kraftfahrzeugtechniker-Meisterprüfung mit großem Erfolg ab. Der Werkmeister und die Lehrerin in der JVA Ulm hatten die Fähigkeiten des Gefangenen erkannt und förderten ihn daraufhin individuell, bis er den Meisterbrief in der Tasche hatte.

„Diese überaus positiven Beispiele sind hoffentlich Vorbild und Ansporn für möglichst viele Gefangene. Sie haben es ein Stück weit selbst in der Hand, sich auf ihre Zeit nach der Haft sinnvoll vorzubereiten. Wir können erfreut feststellen, dass unsere Angebote hierfür von den Gefangenen Jahr für Jahr stärker angenommen werden. Dies ist vor allem der engagierten und qualifizierten Arbeit unserer Lehrerinnen und Lehrer zu verdanken“, sagte Goll.

Schule und Unterricht werden von 42 hauptamtlichen Lehrerinnen und Lehrern organisiert und geleitet. Sie sind von den Justizvollzugsanstalten eingestellt. Etwa die Hälfte der Lehrerinnen und Lehrer arbeitet im Jugendvollzug in Adelsheim und dem Vollzug an jungen Erwachsenen in Ravensburg, die andere Hälfte unterrichtet im Erwachsenenvollzug tätig. Zum Aufgabengebiet gehört neben dem Unterricht für Gefangene die Bildungsberatung, der sonderpädagogische Unterricht, die Zusammenarbeit mit öffentlichen Schulen sowie die Koordination der Bildungskurse mit den anderen Maßnahmen der Vollzugsanstalten.
Darüber hinaus erfolgt eine enge Zusammenarbeit mit öffentlichen Bildungseinrichtungen:

– Der Berufsschulunterricht wird hauptsächlich von Lehrern aus dem Geschäftsbereich des Ministeriums für Kultus und Sport Baden-Württemberg erteilt.
– Die Schulämter unterstützen die Vollzugsanstalten personell und organisatorisch bei der Abnahme der Schulprüfungen und der Gewinnung geeigneter Lehrkräfte.
– Das Bildungswerk der Erzdiözese Freiburg verstärkt den Unterricht in Bruchsal, Freiburg und Mannheim im Hauptschul- und Realschulbereich.
– Die italienischen Bildungswerke ENAIP und IAL/CISL bieten italienische Schulkurse für italienische Gefangene an.
– Deutschkurse für ausländische Gefangene werden vom Bundesamt für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge in Nürnberg übernommen.
– Die Volkshochschulen in Baden-Württemberg bieten Kurse in den Anstalten an oder erlauben die Teilnahme an ihren Kursen außerhalb der Anstalt.
– Das Fernstudienzentrum der Universität Karlsruhe kooperiert mit der JVA Freiburg. Seit 2003 besteht dort eine elektronische Direktleitung zur Fernuniversität Hagen. Damit können Prüfungen in der JVA Freiburg selbst durchgeführt werden. Bei dem Projekt arbeitet das Justizministerium eng mit dem Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg zusammen.
– Das IHK-Bildungszentrum Karlsruhe GmbH organisiert die zentralen Kurse zum EDV-Sachbearbeiter in der JVA Bruchsal. Diese Kurse haben einen wahren „Bildungsboom“ unter den Gefangenen ausgelöst. Für die Kurse bestehen Wartelisten.
– Das Projekt „Deutsch als Zweitsprache“ wird seit 2002 sehr erfolgreich mit dem Bildungsverein „ Kulturbahn Langenbrücken e.V. durchgeführt. Finanzielle Zuweisungen erfolgen aus dem Europäischen Sozialfonds über das Sozialministerium Baden-Württemberg.