Fröhlich, selbstbewusst und gar nicht pflegeleicht

Von Bettina Wieselmann

Premiere im Land: Corinna Werwigk-Hertneck wird heute die erste Justizministerin in Baden-Württemberg. Die selbstbewusste Freidemokratin, die dem in die Wirtschaft wechselnden Parteifreund Ulrich Goll folgt, hat schon als Stadträtin Wert auf Eigenständigkeit gelegt.

Auch so können Karrieren beginnen: Anfang September stand Corinna Werwigk-Hertneck im Matsch bei einer Grundsteinlegung und war „erst mal platt“. Gerade hatte FDP-Landeschef Walter Döring die Parteifreundin gefragt, ob sie sich denn vorstellen könne, Justizministerin in Baden-Württemberg zu werden. Es folgte eine kurze Bedenkzeit im Familienrat. Und heute wird die Nachfolgerin von Ulrich Goll im Landtag vereidigt – als erste Frau in diesem Amt im Land.

Die Juristin mit dem sperrigen Doppelnamen – „Sie können mich auch nur mit einem der beiden Namen anreden“ – ist das, was man eine gestandene Frau nennt. Gerade 50 Jahre alt geworden, strahlt sie jene selbstverständliche Selbstsicherheit aus, die sich wohl einstellen muss, wenn man Familie, Beruf und Politik seit vielen Jahren offenkundig ebenso intensiv wie effektiv auf die Reihe bringt. Die beiden Söhne sind schon aus dem Haus, Ehemann Matthias Hertneck als Bankdirektor viel beschäftigt. „Am schwierigsten war es, meine berufliche Tätigkeit so kurzfristig umzuorganisieren.“ Seit 1997 ist die Fachanwältin für Familienrecht nämlich Inhaberin einer 15 Mitarbeiter starken Kanzlei im Herzen Stuttgarts. „Ich darf und ich will auch nichts mehr tun, nur die Kapitalbeteiligung bleibt“, erläutert die künftige Ministerin.

Eigentlich wäre Corinna Werwigk-Hertneck, die in Kiel und Tübingen studiert hat, gern Strafrichterin geworden. Aber mit zwei kleinen Kindern beim zweiten Examen war dann doch der Schritt in die Selbständigkeit leichter zu realisieren. Nicht nur aus dieser Zeit weiß die Juristin, dass eine verlässliche Kinderbetreuung von zentraler Bedeutung ist: „Ich sehe es doch auch bei meinen Scheidungskindern.“

Wenn dann, wie in Stuttgart, für notwendige Tagesstätten zu wenig Geld da ist, wohl aber für teure und, wie Werwigk-Hertneck fest überzeugt ist, ohnehin unnütze Videoüberwachungseinrichtungen, dann demonstriert die Liberale schon auch mal Eigenständigkeit: Anders als ihre Fraktion stimmte die Stuttgarter Stadträtin gegen die Polizeikameras, die inzwischen die Drogenszene bloß an einen anderen Platz vertrieben hätten. „Pragmatische Politik für die Bürger“ möchte die FDP-Frau eben machen, ausdrücklich „ohne Ideologie.“ Und „urliberal“ sei es, bei „jedem Eingriff in die persönlichen Freiheitsrechte sensibel zu sein.“ Als die gerade nominierte Nachfolgerin frei ihre Skepsis gegenüber der nachträglichen Sicherungsverwahrung von Sexualstraftätern äußerte, empfand man das im Haus von Amtsinhaber Goll als ein wenig unsensibel.

Corinna Werwigk-Hertneck ist gebürtige Stuttgarterin. Hier trat sie für die FDP, der sie seit 1984 angehört, im Kampf um die Nachfolge von Oberbürgermeister Manfred Rommel 1996 an und holte ganze 5,2 Prozent. „Aber ich habe den Umgang mit den Medien und reden gelernt“, gewinnt die Politikerin auch dieser Erfahrung Positives ab. Jetzt ist sie wieder die Hoffnung ihrer Partei, die in ihrer früheren Hochburg nach den letzten Wahlen ziemlich am Boden liegt: Noch nie waren die Stuttgarter Liberalen ohne einen Landtags- und ohne einen Bundestagsabgeordneten. Klar, dass sich die Justizministerin gut vorstellen kann, 2006 hier zu kandidieren. Den größten Teil ihrer Gymnasialzeit hat Werwigk-Hertneck in Göppingen verbracht. Am Ende in einer „hochpolitisierten Klasse“, wo sie „eine Mittler-Position zwischen progressiv und konservativ“ einnahm, wie sie sagt.

Fortschrittlich in Fragen der Frauen-, Familien-, Ausländer- und Drogenpolitik, neoliberal, wenn es um Fragen des öffentlichen Dienstes oder der Privatisierung geht – so wurde die Freidemokratin im Gemeinderat wahrgenommen. „Ich muss gucken, was ich am Kabinettstisch damit mache“, sagt sie mit Blick auf das Linksliberale in ihr. Auf jeden Fall hat sich die künftige Justizministerin vorgenommen, in Erwin Teufels Männerrunde mit der durch sie verdoppelten Frauenpower von Fall zu Fall auch über ihr Ressort hinaus das Wort zu ergreifen.

Gerüstet für die neue Aufgabe fühlt sich Werwigk-Hertneck. Da ist nicht nur der „tolle Justizstandort Baden-Württemberg“, wo ebenso effektiv wie qualifiziert gearbeitet werde. Parteifreund Ulrich Goll, der Werwigk-Hertneck seine „Wunschkandidatin“ nennt, habe sie schon sehr umsichtig vorbereitet und vieles angeschoben, was sie fortführen möchte. Und natürlich hat die Nachfolgerin auch einige Vorstellungen. Dennoch solle ihr die Presse die üblichen 100 Tage geben.

„Zuverlässig, verantwortungsbewusst und fröhlich“, fällt der Protestantin zu sich selbst ein. Das muss am Kabinettstisch kein Fehler sein.