Döring: Wir haben alles einstimmig beschlossen

Interview mit dem stellvertretenden FDP-Vorsitzenden Walter Döring
Von Arne Delfs

+++DIE WELT: Herr Döring, in der FDP wächst die Angst vor einer Spaltung der Partei. Ist der Showdown zwischen Westerwelle und Möllemann unausweichlich?

Döring: Der Showdown ist unvermeidlich. Aber es gibt mit Sicherheit keine Spaltung der FDP. Jürgen Möllemann wird keine eigene Partei gründen. Der ist doch nicht verrückt.

+++DIE WELT: Sie schließen sich also nicht der Meinung von Graf Lambsdorff an, der Zweifel am Geisteszustand von Möllemann geäußert hat…

Döring: Ich würde mich in dieser Weise niemals über einen Parteifreund äußern.

+++DIE WELT: Möllemann hat sein Versöhnungsangebot an Westerwelle erneuert. Sollte der Parteichef nicht doch darauf eingehen?

Döring: Wir haben bereits während der Antisemitismusdebatte Versöhnungsangebote bekommen. Damals hat Möllemann mit einem einstimmigen Votum des Bundesvorstands gegen ihn leben müssen und ist in letzter Minute beigedreht. Daher sind diese Versöhnungsangebote nicht so wahnsinnig ernst zu nehmen.

+++DIE WELT: Hätte Herr Westerwelle nicht schon damals den offenen Bruch mit Möllemann riskieren sollen?

Döring: Ich habe es ihm damals geraten. Aber hinterher ist man immer klüger. Das hilft jetzt nichts mehr.

+++DIE WELT: Herr Möllemann verfügt in seinem eigenen Landesverband nach wie vor über Rückhalt. Was macht Sie so sicher, dass sich Ihr Parteichef dennoch auf dem Sonderparteitag durchsetzen wird?

Döring: Der Rückhalt ist verständlich. Immerhin hat Möllemann die Partei nach Jahren der außerparlamentarischen Opposition mit einem gigantischen Wahlsieg in den Landtag zurückgeführt. Wenn sich jetzt aber selbst Möllemanns Stellvertreter Ulrike Flach und Andreas Pinkwart von ihrem Landesvorsitzenden abwenden, ist das ein eindeutiges Zeichen.

+++DIE WELT: Was passiert, wenn sich Möllemann dennoch als NRW-Landeschef halten sollte?

Döring: Darüber sollten wir jetzt nicht spekulieren, sondern abwarten, bis die Entscheidung im NRW-Landesverband gefallen ist.

+++DIE WELT: Bislang wurde alleine Möllemann die Schuld für das Wahlergebnis in die Schuhe geschoben. Müsste nicht auch Westerwelle als Parteivorsitzender einen Teil der Verantwortung übernehmen?

Döring: Das enttäuschende Wahlergebnis kann nicht monokausal erklärt werden. Wir haben alles einstimmig in der Parteiführung beschlossen. Das mag der eine oder andere heute bedauern. Wir sind gemeinsam mit diesem Kurs baden gegangen und müssen dafür jetzt auch die Verantwortung übernehmen. Wir dürfen das nicht alles auf einen schieben. Aber der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, kam nun mal von Möllemann.

+++DIE WELT: Das heißt, auch Westerwelle muss einen Teil der Verantwortung übernehmen.

Döring: Der Erfinder des Projekts 18 ist Möllemann.

+++DIE WELT: Aber Westerwelle hat das Projekt umgesetzt…

Döring: Das ist unbestritten. Aber nachdem wir alles einstimmig beschlossen haben, kann man jetzt nicht mit dem Finger auf eine bestimmte Person zeigen.

+++DIE WELT: In Baden-Württemberg und Bayern mussten die Liberalen Stimmenverluste hinnehmen. Liegt das nicht an der fehlenden Koalitionsaussage?

Döring: Die nicht gemachte Koalitionsaussage hatte in Baden-Württemberg verheerende Auswirkungen. 80 Prozent der potenziellen FDP-Wähler haben laut einer Umfrage nicht FDP gewählt, weil ihnen die Koalitionsaussage fehlte. Dann haben interessierte Kreise 14 Tage vor der Wahl noch offen mit der SPD geliebäugelt. Das war einfach der Blattschuss für uns.

+++DIE WELT: Muss daraus nicht die Lehre gezogen werden, dass die FDP vor der nächsten Bundestagswahl eine Koalitionsaussage zu Gunsten der Union macht?

Döring: Ich bin mir ziemlich sicher, dass es bereits bei der nächsten Landtagswahl in Hessen eine klare Koalitionsaussage geben wird. Man sollte künftig von Fall zu Fall entscheiden.

+++DIE WELT: Wie hilfreich war der Spaßwahlkampf mit dem Guidomobil und der 18 unter dem Schuh?

Döring: Die Guidomobil-Sache hatte ihre positive Wirkung bis zur Flut. Die 18 hätte ich mir nie unter den Schuh geklebt.

+++DIE WELT: Ist das Projekt 18 für die FDP beendet?

Döring: Ich glaube, dass wir gut daran tun, in der Opposition in Berlin am Kurs der Unabhängigkeit festzuhalten. Ich selbst rede nicht mehr von der 18.

+++DIE WELT: Glauben Sie, dass Ihre Kollegen im Präsidium ebenso denken?

Döring: Wenn man bei 7,4 Prozent hängen geblieben ist, sollte man in der nächsten Zeit nicht unbedingt von 18 reden.

+++DIE WELT: Sollten die Liberalen 2006 erneut mit einem Kanzlerkandidaten antreten?

Döring: Niemand kann sagen, was 2006 ist. Jetzt geht es darum, sich strategisch neu aufzustellen.

+++DIE WELT: Wie kann die FDP wieder dritte Kraft vor den Grünen werden?

Döring: Indem wir Inhalte wieder sichtbar mit Köpfen verbinden. So haben wir etwa das beste Steuersenkungskonzept. Aber es ist uns offenbar nicht gelungen, dieses Thema mit einem der führenden Köpfe zu verbinden.

+++DIE WELT: Würde nicht eine unglaubliche Lücke entstehen, wenn Möllemann verschwinden würde?

Döring: Möllemann hat auf der einen Seite seinen Anteil am Aufschwung der FDP, aber er hat auf der anderen Seite wieder viel eingerissen. Von daher ist seine Leistung allenfalls ein Nullsummenspiel.

+++DIE WELT: Können Sie sich vorstellen, dass Möllemann irgendwann wieder an die Parteispitze zurückkehrt?

Döring: Bei Möllemann kann ich mir alles vorstellen.