Döring: „Unser Land bleibt Spitze!“

(Stuttgart) ?Baden-Württemberg bleibt ungeachtet der gegenwärtigen Konjunkturschwäche Spitze?. Dies bekräftigte gestern der stellvertretende Ministerpräsident und Wirtschaftsminister des Landes Baden-Württemberg, Walter Döring, in Stuttgart. Gleichzeitig warnte er davor, bei der Bewertung der augenblicklichen Situation auf Schätzungen und Prognosen zu vertrauen, deren Datengrundlage und Methodik zum Teil ausgesprochen dünn seien. Baden-Württembergische Unternehmer sind deshalb in der Summe keineswegs pessimistisch. Eine Anfang Februar durchgeführte Schnellumfrage des Wirtschaftsministeriums bei baden-württembergischen Wirtschaftsverbänden ergab, dass die hier vertretenen Unternehmen des Maschinen- und Automobilbaus ihren Personalstand halten wollen. Trotz der etwas niedrigeren Umsatzerwartungen will man im Maschinenbau auch an den Investitionsplänen festhalten. Im Automobilbau ist sogar eine Erhöhung geplant. Insgesamt ergeben sich aus der Blitzumfrage damit keine Anhaltspunkte für einen bevorstehenden nachhaltigen Abschwung.

Bewertung der Leistungsfähigkeit der Wirtschaft des Landes

Wie Döring erläuterte, verlief das erste Quartal 2001 in Baden-Württemberg weitaus besser als in dem zu Vergleichszwecken herangezogenen übrigen Bundesgebiet. Schon allein aus Gründen der deutlich höheren Ausgangsbasis des Landes falle der Rückgang im Land nun stärker aus als im Bund. Dies sei jedoch rein statistischer Natur. Eine Bewertung der Leistungspotenziale der Wirtschaft – insbesondere im Hinblick auf diese nur kurze Quartalsfrist – könne daraus nicht abgeleitet werden. „Wer von einem 1000 Meter hohen Berg zeitweise 100 Höhenmeter absteigt, befindet sich noch immer in der Höhe“, verdeutlichte Döring.

Döring: „Das Wirtschaftswachstum im ersten Halbjahr 2001 ist in Baden-Württemberg mit real 2 % zwar niedriger ausgefallen als noch zu Jahresanfang erwartet. aber im Vergleich der Bundesländer wird nur knapp nach Hessen (2,1 %) die zweitbeste Position erreicht, die im übrigen doppelt so hoch ist wie in Deutschland insgesamt (1 %, frühere Bundesländer: 1,2 %, Bayern: 1,2 %).

Ob aus dieser Datenkonstellation die vom Statistischen Landesamt abgeleiteten Prognosen eines Rückgangs der gesamtwirtschaftlichen Leistungen im letzten Quartal 2001 von – 1 % und im ersten Quartal von – 3 % tatsächlich eingetreten sind bzw. eintreten werden, muss grundsätzlich dahingestellt bleiben.“

Berechnung von Quartalswerten für das Bruttoinlandsprodukt ist in anderen Ländern unüblich

Der Wirtschaftsminister wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die Berechnung von Quartalswerten für das Bruttoinlandsprodukt nicht zum Programm des Arbeitskreises Volkwirtschaftliche Gesamtrechnungen der Länder gehört. Es handle sich hier um eine Besonderheit, die in dieser Regelmäßigkeit offenbar allein von Baden-Württemberg durchgeführt wird.

Döring: „Es kann nicht sein, dass man sich hierzulande ständig aufgrund unsicherer Schätzungen anstelle solider Daten in periodisch wiederkehrenden Zeiträumen eine verfehlte Landes- und Wirtschaftspolitik vorhalten lassen muss.“

In noch höherem Maße gelte dies für die Prognose von Quartalswerten des Wirtschaftswachstums. Quartalsprognosen des Wirtschaftswachstums würden nicht einmal vom Statistischen Bundesamt durchgeführt, obwohl das Statistische Bundesamt zweifellos über sehr viel bessere Datengrundlagen und eine höhere methodische Kompetenz hierzu verfügen würde.

Der Wirtschaftsminister betonte die Stärken der baden-württembergischen Wirtschaft und hob hervor, dass es aufgrund der vergangene Woche veröffentlichten Zahlen keinen Grund gebe, pessimistisch in die Zukunft zu schauen.

Döring: „Unser Land ist Spitze. Es hat eine rundum gesunde Wirtschaftsstruktur. Baden-Württemberg hat nach wie vor mit Abstand die beste Arbeitsmarkt- und Beschäftigungssituation unter allen Bundesländern. Im Dezember 2001 wies Baden-Württemberg eine Arbeitslosenquote von 5,2% auf, Bayerns Arbeitslosenquote lag bei 5,8%. Die Bundesrepublik verzeichnete eine Arbeitslosenquote von 9,6% und Westdeutschland von 7,7%. Im Jahresdurchschnitt 2001 wies Baden-Württemberg eine Arbeitslosenquote von 4,9% aus, Bayern hatte 5,3% und Deutschland 9,4%. Die Jugendarbeitslosigkeit unter 25 Jahren betrug im Dezember 2001 im Land 5.0%. Gefolgt von Bayern mit 5,8% ist auch sie mit Abstand die niedrigste in Deutschland. Die Bundesrepublik verzeichnete hier eine Arbeitslosenquote von 9,0%.
Auch die Erwerbstätigkeit hat in Baden-Württemberg einen Höchststand erreicht. Rund 5,3 Millionen Menschen waren im Jahresdurchschnitt 2001 beschäftigt. Das waren 63.000 oder 1,2 % mehr als im Vorjahr. Damit hatte das Land die höchste Erwerbstätigenzunahme aller Bundesländer (0,1 %).“

Exportland Nummer 1 unter den Flächenländern Deutschlands

Je Einwohner exportierte Baden-Württemberg im Jahr 2000 weltweit Güter in Höhe von nahezu 9.300 EURO weit vor Deutschland mit 7.300 EURO. Bei den 30 wichtigsten Exportländern Deutschlands ist Baden-Württemberg 8-mal der größte Exporteur und 17-mal der zweitgrößte der Bundesländer. Vor allem auf den amerikanischen und asiatischen Märkten haben baden- württembergische Lieferanten ihre Nase weit vorne.
Diese hohe Exportintensität des Landes führt dazu, dass Baden-Württemberg Exportweltmeister ist vor Japan und den USA mit jeweils 3.300 EURO.

Zweithöchste gesamtwirtschaftliche Leistung

Das Bruttoinlandsprodukt ist in Baden-Württemberg im Jahr 2000 um real 4,2 % gewachsen. Damit lag das Land im Länder-Vergleich auf Rang 2 hinter Bayern (4,3 %) und sehr deutlich über dem gesamten Bundesdurchschnitt von 3,0 %.
Im 1. Halbjahr 2001 war die wirtschaftliche Aktivität mit real + 2,0 % genau doppelt so stark wie im Bund (1,0 %).

Niedrigste Insolvenzhäufigkeit der Wirtschaftsunternehmen in Deutschland

Bezogen auf 10 000 Unternehmen hatte Baden-Württemberg 2000 mit 57 Unternehmen die geringste Insolvenzrate unter den Bundesländern. Im Bundesdurchschnitt ist die Insolvenzrate doppelt so hoch.

Bester Standort für Existenzgründer

Baden-Württemberg ist unter den zehn besten europäischen Standorten für Unternehmensgründungen viermal vertreten (vgl. Focus 16/99: Nr. 1 Heidelberg, Nr. 5 Freiburg, Nr. 6 Reutlingen, Nr. 9 Ulm). Bei der Förderung von Existenzgründern gilt die Region Stuttgart sogar als die beste in Europa.

Land mit höchstem Patentaufkommen

Im Jahr 2000 wurden in Baden-Württemberg 120 Patente je 100.000 Einwohner angemeldet. Der Durchschnitt in Deutschland lag bei 65 Patenten. In keiner Region Europas werden pro Einwohner mehr Patente angemeldet.

Land mit dem dichtesten Netz an Forschungseinrichtungen

Zu den Technologieanbietern zählen 10 Universitäten sowie zwei internationale Universitäten, 16 technisch orientierte Fachhochschulen, 11 naturwissenschaftlich orientierte Max-Planck-Institute und 14 anwendungsorientierte Fraunhofer-Institute sowie weiterhin eine gewisse Zahl (derzeit etwa 20) speziell auf die Bedürfnisse der Wirtschaft ausgerichtete Forschungseinrichtungen. Baden-Württemberg ist die führende High-Tech-Region in Europa. 17,3 % aller Beschäftigten sind in einem High-Tech-Job tätig. Mit weitem Abstand folgen Bayern (12,4 %) und die italienische Region Nord-Ovest (12,1 %).

Größter Biotechnologiestandort in Deutschland

Rund 400 Unternehmen sind im Land in dem Bereich der Biotechnologie einschließlich der Zuliefererindustrie tätig. Davon sind 120 Unternehmen auf dem Sektor der hochinnovativen Biotechnologie tätig. Von den ca. 30 Bioregionen in Deutschland sind allein vier im Land angesiedelt. Es sind die Bioregionen Freiburg (Modellregion des BioRegio-Wettbewerbs), Stuttgart-Neckar-Alb, Rhein-Neckar-Dreieck und Ulm.

Zweitgrößte Medienregion in Deutschland

30.000 Unternehmen der Medien-, IT- und Kommunikationsbranchen – also aus den Bereichen Datenverarbeitung, Telekommunikation, Werbung, Verlagswesen und Druckgewerbe, Film, Entertainment, Fernsehen und Werbebüros – haben ihren Sitz in Baden-Württemberg, darunter 5.000 Multmedia- und Softwareunternehmen.

Allein im Bereich der Unternehmenssoftware- und dienste erwirtschaften 55.000 Mitarbeiter einen Umsatz von über 6 Mrd. Euro. Mit einem Weltmarktanteil von 7 % liegt Baden-Württemberg nach Silicon Valley auf Platz zwei.

Gründe für die aktuell schwierige Entwicklung

Nach Ansicht des Wirtschaftsministers liegen die wichtigsten Gründe für die aktuell schwierige Entwicklung im Land in zwei Punkten, die paradoxerweise auch die Stärken der baden-württembergischen Wirtschaft widerspiegeln.

Döring: „Zum einen hat Baden-Württemberg in den letzten Jahren – und auch noch wie schon gesagt im ersten Halbjahr 2001 – ein hohes überdurchschnittliches Wachstum erreichen können. Daraus folgt bei einem Rückgang der wirtschaftlichen Tätigkeit ein vergleichsweise deutlicheres Minus (sogenannter Basiseffekt).

Zum zweiten ist das Gewicht der mit hochqualifizierten Dienstleistungen durchsetzten Industrie in Baden-Württemberg besonders groß. Dies ist einerseits Ausdruck der Strukturstärke und des Leistungsniveaus des Landes. Andererseits
führt es jedoch bei einer rückläufigen Nachfrage auf den Exportmärkten in Baden-Württemberg schnell zu größeren Einbrüchen als in anderen Ländern. Dies gilt auch für die durch die weltweit rückläufige Investitionstätigkeit besonders betroffene Investitionsgüterindustrie in Baden-Württemberg.“

Dörings Fazit: Dass Baden-Württemberg jetzt von einem Rückgang der weltwirtschaftlichen Entwicklung vergleichsweise stärker betroffen ist, ist nichts anderes als ein Spiegelbild des überdurchschnittlich guten Wachstums. Deshalb wird bei einem Wiederanziehen der Wirtschaftsentwicklung des Land umgekehrt auch wieder vorne weg von diesen Aufschwungskräften profitieren.“