Deutschland hat ein Auswanderungsproblem

Berlin. Die Landesvorsitzende der FDP Baden-Württemberg und Vorsitzende der FDP-Bundestagsfraktion BIRGIT HOMBURGER schrieb für die ?Financial Times Deutschland? (Ausgabe 26.10.2010) den folgenden Gastbeitrag:

Deutschland, einig Auswanderungsland

Zu viele hoch qualifizierte Menschen kehren der Bundesrepublik den Rücken. Sie zu halten wäre wichtiger als theoretische Debatten über mehr Zuwanderung

Deutschland hat ein Auswanderungsproblem. Allein 2009 haben 155 000 Deutsche der Bundesrepublik leise Lebewohl gesagt, um in einem fremden Land neu zu beginnen.
Das ist, als würde ganz Potsdam die Koffer packen. Mit jedem Auswanderer, der geht, verliert Deutschland Wissen, Erfahrung, Qualifikation und ein Stück Zukunft. Doch das Problem zu hoher Abwanderung droht im Schatten der Debatten um Zuwanderung und Integration aus dem Blickwinkel zu geraten ? dabei geht es im Kern um die gleiche Frage: Wie steuern wir gegen den Bevölkerungsschwund, gegen den Fachkräftemangel und gegen die Überalterung an?

Die typischen Auswanderer sind jung, gebildet, hoch motiviert und leistungsbereit. Sie wollen ihren Mut und ihr berufliches Können einbringen, sehen dafür in Deutschland aber keine Perspektive. Für sie ist der Neustart eine Befreiung. In der Heimat fühlen sie sich nicht wertgeschätzt, in der Fremde sind sie begehrt. Insbesondere deutsche Wissenschaftler, Ingenieure und Facharbeiter werden im Ausland aufgrund ihrer guten Ausbildung mit Freude aufgenommen. Während Unternehmen in manchen Regionen bereits verzweifelt nach Fachkräften suchen, lassen wir uns die Mutigen, die Kreativen und die Leistungsbereiten abwerben.

Unzufrieden im Korsett

Heute sind die Zielstrebigen der Nation mit vielem unzufrieden. Das rechtliche Korsett bei Forschung und Entwicklung und die mangelnden Realisierungschancen deutscher Spitzenforschung in konkreten deutschen Produkten und Projekten lassen heimische Wissenschaftler und Forscher in die Ferne schweifen. In Deutschland werden zu oft die Risiken und nicht die Chancen gesehen. Auch die allgemeine Bürokratie, die Gehälter, die Steuern und Abgaben sind Motive dafür, das eigene Land zu verlassen. Hier müssen politische Entscheidungen ansetzen. Bei der Regulierung und der Freiheit der Wissenschaft, der Leistungsgerechtigkeit und der Bürokratie müssen wir Deutschland konsequent modernisieren. Es ist unendlich einfacher und effizienter, für die eigenen Spitzenkräfte attraktiv zu bleiben, als in naher Zukunft noch stärker auf Hochqualifizierte aus dem Ausland angewiesen zu sein.

Unsere Universitäten brauchen mehr Autonomie und Forschungsfreiheit, wenn wir zur Spitze gehören wollen. Neue Technologien müssen in Deutschland eine Chance haben und nicht nur im Ausland. Eine bessere Vernetzung zwischen Hochschulen und Unternehmen und eine neue Bildungs- und Aufstiegskultur machen den Arbeitsstandort Deutschland attraktiver.

Geld statt Papierkrieg

Auch bei den Gehältern für Forscher und Wissenschaftler muss es mehr Entwicklungsmöglichkeiten geben. Deshalb ist es richtig, dass die Regierungskoalition
ihren Schwerpunkt auf mehr Investitionen, mehr Freiheit und weniger Bürokratie bei Forschung und Bildung legt. Mit der Verankerung der Validierungsförderung, die frühzeitig die Umsetzungschancen von Forschungsergebnissen prüft, hat die Bundesregierung den Weg zu einer verstärkten Marktanwendung geebnet.

Im deutschen Steuer- und Abgabensystem müssen wir für mehr Leistungsgerechtigkeit sorgen. Die Reform der Einkommensteuer ist kein Selbstzweck, denn sie macht Deutschland auch international interessanter. Mit einer durchschnittlichen Steuer- und Abgabenlast von 52 Prozent bei einem Einzelverdiener haben wir derzeit einen wenig rühmlichen Spitzenplatz.

Wer für immer geht, der nimmt auch seine Familie mit. Die Auswanderung eines Einzelnen bedeutet für Deutschland oft auch den Verlust weiteren Potenzials. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist in vielen Ländern einfacher als hierzulande. Gerade Skandinavien gilt als familienfreundlich, emanzipiert und tolerant. Für viele, die eine neue Existenz gründen wollen, ist das ein entscheidender Aspekt. Wir müssen dafür sorgen, dass auch in Deutschland sich Kinder und Karriere nicht ausschließen. Mit Betreuungsangeboten, mit besserer frühkindlicher Bildung, aber auch mit einer anderen Einstellung zu Kindern und Familie. Wer hier Barrieren bricht, baut Perspektiven auf.