Bullinger: Umdenken ist angesagt – CO2-Verbrauch muss gesenkt werden

In eine Landtagsdebatte über den Waldzustandsbericht der Landesregierung sagte der agrarpolitische Sprecher der FDP/DVP-Landtagsfraktion, Dr. Friedrich Bullinger unter anderem:

?Alle Jahre wieder kommt der Waldzustandsbericht kurz vor Weihnachten. Einige Medien nehmen höchstens am Rande davon Notiz, denn es ist ja nicht spektakulär, es ist nicht neu, dass der Wald leidet. Ich habe den Eindruck, wenn man nur lange genug schlechte Nachrichten immer wieder bringt, gewöhnt man sich daran, man stumpft ab, man denkt nicht mehr nach und man verliert an Sensibilität. Die FDP/DVP-Landtagsfraktion ist daher der Auffassung, dass man dieses Thema aktuell aufarbeiten und gründlich hinterfragen sollte, da es hochaktuell ist.

Hinterfragen heißt für mich zunächst:
– Wie hat sich der Waldzustand verändert?
– Wie haben sich die Waldschäden entwickelt?
– Wo liegen die Ursachen und was tun wir dagegen?
– Was können wir zur Therapie beitragen und
– was zur Rehabilitation des Waldes?
insbesondere, Herr Minister Haug, stellt sich die Frage
– Welche Konsequenzen ziehen wir in der Landespolitik aus den aktuellen Ergebnissen des neuesten Waldzustandsberichts 2007?

Der Wald nimmt multifunktionale Aufgaben wahr, er ist essentiell für unser Leben denn
– der Wald ist unser wichtigster Sauerstofflieferant
– er liefert nicht nur nachwachsende Rohstoffe, die kohlendioxidneutral erzeugt werden, nein,
– er stellt auch Arbeitsplätze für viele Menschen zur Verfügung, und
– er prägt unsere Kulturlandschaft und damit unser attraktives Tourismusland Baden-Württemberg.

Der Wald hat nicht nur Schutzfunktion, sondern eine Vielzahl weiterer Funktionen,
denn
– er ist Wasserspeicher,
– er hat eine wichtige Aufgabe als biologischer Filter,
– er schützt unsere Böden, d.h. aufgrund der Wasserhaltefähigkeit des Bodens be-wahrt uns der Wald unsere Landschaft vor Bodenabtrag, sprich Erosion
– er hat natürlich auch lokale Klimaregulatorenaufgaben
– er sorgt für ständigen Luftaustausch
– er ist biologischer Staubfilter und befreit unsere Atemluft von Ruß und gasförmigen Verunreinigungen.

Oder umgekehrt die Frage:
Was wären wir ohne den Wald?
Wir hätten
– keinen Wasserspeicher und keinen Luftreiniger
– keinen Erholungsraum,
– wir wären ohne unser gewohntes Landschaftsbild.

Fakt ist, dass sich der Wald auch vier Jahre nach dem extremen Trockenjahr 2003 nicht we-sentlich erholt hat, trotz der segensreichen Niederschläge in den letzten zwei Jahren.
40,2 % der gesamten Waldfläche weist weiterhin das höchste Schadenniveau seit Beginn der Beobachtungsperiode im Jahr 1983 auf und er leidet unter Folgen der Schwächung.
Stichworte: Borkenkäfer, Eichenspinner, Buchdrucker

Weiter müssen wir befürchten, dass vor allem die Stickstoffeinträge aus der Luft die Tole-ranzschwellen der Waldböden weit überschreiten. Bei der Entschwefelung von Schweröl und Diesel haben wir Fortschritte erreicht! Das reicht aber nicht. Andere Säurebildner werden von uns allen vor allem durch den Autoverkehr nach wie vor in Massen erzeugt und dem Wald zugemutet.

Der zunehmende Autoverkehr und die neuen Kohlekraftwerke lassen für den Wald wenig hoffen. Die Verbrennung fossiler Energie bleibt Hauptursache für die Schädigung der Wäl-der.

Hier ein Wort zur zur Automobilindustrie. Im Autobauerland Baden-Württemberg wird man ab heute umdenken müssen, denn die Europäische Union lässt sich nicht mehr auf leere Ver-sprechungen ein. Sie wird heute 130 Gramm CO2 festschreiben. Leider hat die Autoindustrie ihre Glaubwürdigkeit verloren, da sie die Selbstverpflichtung, ihre eigene Selbstverpflichtung, nicht eingehalten hat. Sie warb, baute und verkaufte SSD-Fahrzeuge – also schneller, schwerer, durstiger. Mobilität, auch individuelle Mobilität, geht auch unter 200 KW-Motoren, unter drei Tonnen Gewicht und unter 200 Gramm CO2. Wie gesagt, umdenken ist jetzt an-gesagt.

40% der Landesfläche sind Wald. Das Argument, dass der Holzvorrat in den Jahren 1987 bis 2002 von rund 464 Mio. Kubikmeter auf 485 Mio. Kubikmetern angewachsen ist, darf uns über den Gesundheitszustand des Waldes nicht täuschen. Der Klimawandel ist offensichtlich und das extreme Trockenjahr 2003 hat seine Spuren hinterlassen und fordert ein Umdenken bei der Waldbewirtschaftung, insbesondere bei der Neuaufforstung. Die Ursachen sind be-kannt, und wir alle sind durch eine andere, eine nachhaltigere Energiepolitik mit einem höhe-ren Anteil an regenerativen Energien durch einen effizienteren Einsatz der Primärenergie und vor allem durch Energieeinsparen mehr denn je gefordert, die Belastung auch und gerade für den Wald, zu reduzieren.

Nach dem neusten Klimagipfel in Bali ist es für mich nach wie vor skandalös, dass 4,6 % der Weltbevölkerung, 21,8 % der Energie verbrauchen. Ich spreche hier von den US-Bürgern, deren politische Vertreter sich nach wie vor verantwortungslos gegenüber der Kreatur, der Natur und gegenüber unseren Kindern und Enkel verhalten. Es ist ein Verbrechen an der Menschheit und an der Natur, wenn man Energie so vergeudet und dann auch noch hin-steht und scheinheilig so tut, als wäre alles Theorie. Ich frage die Landesregierung, was können wir hier in Baden-Württemberg, also vor Ort als Land mit 40% Waldanteil mehr tun als bisher? Was können wir außer einer besseren Energiepolitik dem Patienten Wald an Therapie zur Gesundung zukommen lassen?

Die positiven Wirkungen der Bodenschutzkalkung liegen auf der Hand, Frage also: Tun wir hier genügend? Die Untersuchungen weisen nach, dass man durch die Bodenschutzkalkung zur Regeneration, zur Stabilisierung und vor allem zur besseren Pump- und Filterfunktion des Waldbodens insgesamt positiv beitragen kann.
Es reicht natürlich nicht aus, nur Therapie zu betreiben, ohne die Ursachen zu bekämpfen. Wir sollten aber, und da hätte ich gerne von Ihnen eine Antwort, noch einmal Grund machen, wie weit wir hier nicht doch etwas zulegen müssen.

Auch reichen meines Erachtens die bisherigen Kalkungen, die nur 20-40 Jahre halten, nicht aus. Ich bin überzeugt, dass wir auch Wiederholungskalkungen durchführen müssen.
Wir dürfen nicht nachlassen bei der Forschung nach den Ursachen und bei der Umsetzung neuer forstwirtschaftlicher Erkenntnisse. Auch halte ich die Beibehaltung des Einheitsforstamtes mit einer qualifizierten Beratung für den Staats-, Kommunal- und Privatwald mit für eine Voraussetzung den Wald positiv zu begleiten. Daher darf bei der Evaluierung der Ver-waltungsreform zu keinen wesentlichen Änderungen kommen.

Das Urteil des Bundesgerichtshofes vom 10. Dezember 1987 hat eindeutig darauf hingewie-sen, dass die damals als neuartige Waldschäden bezeichneten Schäden, im Grunde nach entschädigungswürdig und entschädigungsbedürftig sind.
Das heißt, wir alle sind in der Verantwortung dem Wald zu helfen, denn es ist eine wichtige Daseinsvorsorge für das wir berechtigt auch Geld ausgeben müssen. Das wertvolle Ge-meingut Wald hat es verdient, dass wir ernster mit dem Thema Waldschäden umgehen, als bisher. An die Landesregierung habe ich abschließend die Frage, Herr Minister, wie Sie zu-künftig mit dem
– Thema Waldkalkung sowie
– Therapie und Reha-Maßnahmen bei unseren geschädigten Wäldern umgehen wol-len.“