„Baden-Württemberg muss attraktiver Standort für Fachkräfte bleiben“

Aus Baden-Württemberg ziehen jährlich mehr deutsche hochqualifizierte Fachkräfte ins Ausland, als aus dem Ausland wieder ins Land zurückkommen – der entsprechende Wanderungsverlust liegt bei jährlich knapp 2200 Personen. Dies ist eine Haupterkenntnis aus der im Auftrag des Wirtschaftsministeriums vom Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung (IAW) Tübingen erstellten neuen Studie zur Abwanderung von hochqualifizierten Fachkräften aus Baden-Württemberg, die Wirtschaftsminister Ernst Pfister heute in Stuttgart vorstellte.

Der zeitweilige Auslandsaufenthalt deutscher Fachkräfte wird von Pfister durchaus positiv bewertet: „Mobilität kann ein gewinnbringender Austausch sein, wenn zurückkehrende Abwanderer mit im Ausland erworbenen Erfahrungen und Wissen den deutschen Arbeitsmarkt bereichern.“ Der negative Wanderungssaldo allerdings ist für Pfister ein deutliches Signal für Handlungsbedarf: „Baden-Württemberg muss ein attraktiver Standort für abwanderungs- wie rückkehrwillige Fachkräfte bleiben.“

„Die Ergebnisse zeigen, dass die überwiegende Mehrheit unserer Hochschulabsolventen wieder auf den deutschen Arbeitsmarkt zurückkehren möchte. Daher müssen wir etwas tun, um Rückkehrwilligen die Rückkehr nach Baden-Württemberg so einfach wie möglich zu machen“, fügte Pfister hinzu. Der Wirtschaftminister regte an, bestehende Regelungen auf dem deutschen Arbeitsmarkt sowie im Gesundheits- oder Rentensystem auf den Prüfstand zu stellen, um möglicherweise vorhandene administrative Hürden für rückkehrwillige Fachkräfte abzubauen. Hier gehe es zum einen um ganz praktische Dinge wie Fragen zur Renten- und Krankenversicherung oder auch zur Anerkennung von im Ausland erworbenen Abschlüssen. Daneben bleibe es wichtig, Hochqualifizierte nicht durch zu hohe Steuer- und Abgabenbelastung abzuschrecken. „Ein attraktiver Standort ist im Wettbewerb um die besten Köpfe nicht nur für Rückkehrwillige, sondern gleichermaßen für zuwanderungswillige Hochqualifizierte entscheidend“, so der Minister.

Für die Bewertung der grenzüberschreitenden Mobilität sei es zudem wichtig, nicht nur die Abwanderungszahlen, sondern auch die Qualifikation und die Motive der Abwanderer zu kennen, erläuterte Pfister.

Im Auftrag des Wirtschaftsministeriums hatte das IAW deshalb nicht nur Ausmaß, sondern auch Struktur und Motive der im Vergleich zum gesamten Bundesgebiet überdurchschnittlichen Abwanderung aus Baden-Württemberg untersucht. Erstmals liegen damit differenzierte Ergebnisse zur Qualifikation der Abwanderer aus Deutschland und Baden-Württemberg, zum Abwanderungsverhalten von Hochschulabsolventen und – auch das eine Neuheit – eine Schätzung des künftigen Abwanderungspotenzials von Hochschülern vor. Die Studie wurde vom Wirtschaftsministerium im Rahmen seiner Fachkräfteinitiative gefördert.

„Zwischen 2001 und 2005 zogen netto knapp 0,4% der hoch qualifizierten deutschen Beschäftigten (zwischen 20 und 65 Jahren und mit Abschluss höhere Fachschule oder Hochschule) aus Baden-Württemberg jährlich ins Ausland“ sagte Projektleiter Professor Christian Arndt von der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen. Das sind schätzungsweise knapp 2.200 der hoch qualifizierten Baden-Württemberger deutscher Nationalität zwischen 20 und 65 Jahren. Die beliebtesten Zielländer der baden-württembergischen Hochqualifizierten sind die Schweiz, Österreich, die USA und Großbritannien, auf die zusammen rund zwei Drittel der Netto-Fortzüge entfallen. In Baden-Württemberg ist der Anteil der Hochqualifizierten mit etwa 60 Prozent an den gesamten Netto-Fortzügen jedoch deutlich geringer als der Bundesdurchschnitt, da auch überdurchschnittlich viele gering qualifizierte und qualifizierte Arbeitskräfte abwandern.

„Der moderne Auswanderer aus Baden-Württemberg ist in der Regel jung, leistungsbereit und qualifiziert“, fasste Wirtschaftminister Ernst Pfister die Ergebnisse der Studie zu den Motiven der Abwanderer zusammen. Nach der Studie wandern vor allem Hochschulabsolventen der Fächergruppen Maschinenbau, Elektrotechnik, Natur- und Wirtschaftswissenschaften ins Ausland ab. Die abgewanderten Absolventen beziehen im Durchschnitt ein um ein Fünftel höheres Bruttoeinkommen in den ersten fünf Jahren nach dem Abschluss ihres Studiums als die nicht abgewanderten Absolventen. Darüber hinaus sind die Abwanderer eineinhalb Mal häufiger mit ihren beruflichen Aufstiegsmöglichkeiten zufrieden und arbeiten häufiger in großen, internationalen Unternehmen.

„Hochschulabsolventen mit Abitur wandern knapp fünf Mal so häufig sowohl dauerhaft als auch temporär ab wie Absolventen mit Fachhochschulreife“, erläuterte Professor Arndt. „Bessere Examensnoten, ein Auslandsstudium, familiäre Netzwerke sowie ein hohes Bildungsniveau der Eltern sind wichtige individuelle Bestimmungsfaktoren der abgewanderten Akademiker“, so Arndt. Temporäre und dauerhafte Abwanderer begründeten ihre Entscheidung am häufigsten mit interessanten Angeboten des Arbeitgebers, dem Interesse an anderen Ländern sowie mit im Ausland lebenden Partnern. Für temporäre Abwanderer spiele zudem die Aussicht, nach der Rückkehr die Berufschancen in Deutschland verbessert zu haben, eine wichtige Rolle. „Geschlechtsspezifische Unterschiede im Abwanderungsverhalten konnten in der Studie hingegen nicht festgestellt werden“, unterstrich Professor Arndt.

Schweiz ist wichtigstes Zielland für baden-württembergische Abwanderer

„Nimmt man alle Qualifikationsniveaus zusammen, so dominiert die Schweiz mit rund 62 Prozent aller Netto-Fortzüge aus Baden-Württemberg als beliebtestes Zielland“, heißt es in der Studie. Im Mittel wanderten damit zwischen 2001 und 2005 netto jährlich 2.290 Personen mit deutschem Pass aus Baden-Württemberg in die Schweiz ab. Diese Quote liegt für Baden-Württemberg deutlich höher als für Deutschland mit 42 Prozent. Geringer ist der Unterschied in der Gruppe der Hochqualifizierten: In Baden-Württemberg entfallen mit 816 Personen 37 Prozent und im Bundesdurchschnitt 34 Prozent aller Netto-Fortzüge von Hochqualifizierten auf die Schweiz, was Professor Arndt „zum Teil auf die höhere Pendler-Mobilität von Hochqualifizierten in den grenznahen Regierungsbezirken Freiburg und Tübingen“ zurückführt. „Für viele Abwanderer steht die Schweiz offensichtlich nicht nur für sprachliche, kulturelle und geographische Nähe, sondern stellt einen attraktiven Arbeitsmarkt mit interessanten Rahmenbedingungen dar“, betonte Pfister. „Daher ist ein Ziel der Fachkräfteinitiative des Wirtschaftsministeriums, die Steuer- und Abgabenbelastung zu verringern, um die Leistungsbereitschaft der Beschäftigten zu honorieren“, so der Minister.

„Erstmals liegt eine Schätzung über das künftige Abwanderungspotenzial vor, da in einer repräsentativen Erhebung Studierende an baden-württembergischen Hochschulen zu ihren Abwanderungsplänen befragt wurden“, ergänzte Professor Arndt. Auch wenn mit unter vier Prozent der Studierenden nur sehr wenige Studierende feste Abwanderungspläne geschmiedet haben, können sich immerhin rund 25 Prozent der Studierenden vorstellen, dauerhaft im Ausland zu bleiben. Wunschländer sind für die potenziellen Abwanderer vor allem die USA und mit einigem Abstand die Schweiz, Großbritannien und Kanada. Rund 71 Prozent der befragten Studierenden geben an, in Zukunft mindestens für einige Zeit ins Ausland abwandern zu wollen. Wichtigstes Motiv für die potenziellen temporären Abwanderer ist dabei das Sammeln von Berufserfahrung für den deutschen Arbeitsmarkt.