Bachmann: Wir brauchen eine Magna Charta Universitatis Baden-Württembergensis

Anlässlich der Landtagsdebatte über den Bologna-Prozess und die Auswirkungen
auf die Hochschulen und die Studierenden in Baden-Württemberg sagte der hochschulpolitische
Sprecher der FDP/DVP-Landtagsfraktion, Dietmar Bachmann
(es gilt das gesprochene Wort):
?Erlauben Sie mir, mit einer Geschichte zu beginnen. Es war einmal zu der Zeit, als
Gerhard Schröder noch Bundeskanzler und Joschka Fischer noch Vizekanzler waren.
Unsere Geschichte begab sich in einem Land, in dem zwar nicht Milch und Honig
flossen, wohl aber schwerer Wein und bestes Essen die Sinne vernebelten ? im
schönen Bologna. Und es waren leider keine Weisen aus dem Morgenland, sondern
eine holde Genossin mit dem schönen Namen Edelgard, die mit wenig Weisheit aus
dem Abendland nach Bologna zog. Die holde Genossin Edelgard unterschrieb dann
eine Erklärung, in der es wie folgt heißt: ?Einführung eines Systems leicht verständlicher
und vergleichbarer Abschlüsse, ? das sich im Wesentlichen auf zwei Hauptzyklen
stützt: einen Zyklus bis zum ersten Abschluss (undergraduate) und einen Zyklus
nach dem ersten Abschluss (graduate).? Das sind Bachelor und Master in Reinkultur!
Und frohen Sinnes eilte die Edelgard zurück zu Gerhard und Joschka und begab sich
daran, mit Hilfe einer Obergrenze von 5 Jahren im Hochschulrahmengesetz die Studiengänge
zu verschulen und Studierenden und Professoren die Freiheit zu nehmen.
Und die Moral von der Geschicht: Rot und GRÜN, die können es nicht. Eines dagegen
können sie: die Fehler der eigenen Leute anderen in die Schuhe schieben ? wie
die heutige Debatte zeigt.
Aber es gab auch mutige Ritter, die die Freiheit verteidigten. Ich denke da an die Ritter
Peter und Rainer ? Minister Prof. Dr. Peter Frankenberg und unseren langjährigen
Berater Dr. Rainer Graf. Ihnen haben wir ein Landeshochschulgesetz zu verdanken,
das unter den gegebenen Rahmenbedingungen ein hohes Maß an Freiheit für Forschung
und Lehre gewährt.
Und übrigens: Hochschulfreiheit und Bologna schließen sich vielleicht nicht ganz aus.
?Unabhängigkeit und Autonomie der Universitäten gewährleistet, dass sich die Hochschul-
und Forschungssysteme den sich wandelnden Erfordernissen, den gesellschaftlichen
Anforderungen und den Fortschritten in der Wissenschaft laufend anpassen.?
Leider findet sich dieser Text nur in der Präambel der Bologna-Erklärung,
nicht im Beschlussteil. Er geht auf die von den Universitäten selbst 1988 in der
Magna Charta Universitatem in Bologna niedergelegten Grundsätze zurück. Damals
ein Feigenblatt für Bulmahn ? mehr nicht. Für uns dagegen sollte es diese Magna
Charta aus Bologna sein, nicht die strenge Vorgabe der Genossin Edelgard, die den
künftigen Weg weist.
?Die Umsetzung der Reform und Konzeption von Studienangeboten ist unzweifelhaft
eine Aufgabe der Hochschulautonomie?, heißt es in einem Antrag der FDPBundestagsfraktion
vom Februar dieses Jahres. ?Autonomie, Exzellenz, Verantwortung,
Freiheit und Wettbewerb sollen Leitbilder für das Hochschulwesen der Zukunft
sein? heißt es im Koalitionsvertrag auf Bundesebene. ?Im Fortschreiten des Prozesses
ist klar geworden, dass Bologna weiterentwickelt und optimiert werden muss.
Gemeinsam mit den Hochschulen und Studierendenwollen wir das System in die
nächste Phase führen? heißt es in der gestrigen Pressemitteilung der Landesregierung.
Also dann: Knüpfen wir an die Magna Charta Universitatem aus Bologna an.
Für die Bachelor-Studiengänge heißt dies, dass die strikten Vorgaben fallen müssen.
Sechs Semester sind eine Sparvorgabe der Kultusministerkonferenz. Selbst in der
Bologna Erklärung heißt es ?mindestens sechs Semester?. Wir sollten den Universitäten
und Hochschulen mehr Freiheit geben. Ein Studieren über den Tellerrand hinaus
im Sinne des Humboldt?schen Bildungsideals, Auslandssemester und eine individuelle
Anpassung der Inhalte an die Erfordernisse des Arbeitsmarktes ? dies alles können
die Universitäten und Hochschulen ohne strikte Vorgaben auch in Sachen Dauer
viel besser vornehmen. Besonders wichtig ist, dass der Bachelor ? wie das angelsächsische
Vorbild ? eine breite Bildung vermittelt.
Für den Master bedeutet dies, dass er der Vertiefung und Spezialisierung dienen
sollte. Wenn man schon das angelsächsische Vorbild nimmt, sollte z.B. der Master
nach einer an den Bachelor anschließenden Berufstätigkeit keine seltene Ausnahme
mehr bleiben. Lebenslandes Lernen ist heute wichtiger denn je. Viele Hochschulen
im Land haben dies bereits erkannt und bieten auch parallel zum Beruf weiterführende
Studien an.
Und das gute alte Diplom? Wenn wir es mit der Freiheit ernst nehmen, sollten wir
den Universitäten nicht verbieten, ihr früheres Flaggschiff wieder in das Angebot aufzunehmen
? zusätzlich zum Master. Im Ausland wusste man durchaus etwas mit
dem Diplom anzufangen. Obwohl Wernher von Braun und Albert Einstein keinen
Master, sondern ?nur? ein Diplom hatten, hatten sie im Stammland des Master, in den
USA, keinerlei Anerkennungsschwierigkeiten.
Und das Staatsexamen? Nirgendwo in der Bologna-Erklärung steht, dass es keine
Berufseingangsprüfungen geben darf. Und was ? bitte schön ? ist ein Staatsexamen
anderes? Man könnte es durchaus als staatliche Qualitätsgarantie beibehalten. Ein
Weg übrigens, den nicht nur Kollege Kleinmann und ich seit geraumer Zeit predigen.
Guido Westerwelle und unsere Bundestagsfraktion haben bereits im Februar
formuliert: ?Es ist fraglich, ob der hohe
Qualitätsstandard [in der Juristen- und Medizinerausbildung] bei einer Umstellung der
Studienabschlüsse gehalten werden kann.?
Bologna hat eine europaweite Vereinheitlichung gebracht. Das ist richtig und gut für
einen europäischen Raum des Wissens.
Jetzt ist es an der Zeit, die mit Bologna einhergehende Nivellierung zu beenden. Exzellenz
findet sich nicht im akademischen Einheitsbrei. Wir müssen den Universitäten
und Hochschulen die Türen öffnen, die sie brauchen, um über den Standard hinaus
exzellente Abschlüsse zur Verfügung zu stellen.
Und wie gehen wir mit den Protesten um? Geben wir Freiheit! Lassen wir die Studierenden
über die Studieninhalte mitbestimmen. Überlassen wir ihnen die Entscheidungen
über die Verwendung der Studiengebühren und die Angebote der Studentenwerke.
Warten wir nicht darauf, dass sie sich zwischen dem Marsch durch die Institutionen
und dem anderen Weg entscheiden müssen. Binden wir sie jetzt in die
Institutionen richtig ein.?